Mehr als nur „schöne Klänge“: Die zwei größten Irrtümer über Musiktherapie
Weil Musiktherapie nicht so bekannt oder selbsterklärend ist wie Ergo- oder Physiotherapie, haben viele Menschen Vorurteile gegenüber der Musiktherapie. Es fängt mit der Angst an: „Was wäre, wenn ich falsche Töne spiele?“ und reicht bis zu der Annahme: „Die Therapeutin spielt etwas Schönes, damit ich mich entspannen kann.“ Heute möchte ich solche Missverständnisse klären und Ihnen die „echte“ Wirkung der Musiktherapie näherbringen.

Gedanke Nr. 1: Ich muss ein Instrument spielen oder gut singen können, damit ich in gute Stimmung komme.
Auch wenn ich sage, dass man hier keine musikalische Erfahrung haben muss, denken viele: „Aber wie geht das mit den Instrumenten!? Ich habe doch keine Erfahrung und dann bringt es auch nichts …“ Die Angst ist erst einmal verständlich, weil Musik oft mit Leistung oder Talent assoziiert wird.
Aber meist hat die Musiktherapie nicht das Ziel, ein Instrument zu lernen oder „schöne Musik“ zu machen.
Vielmehr ist die Musik ein Mittel, durch das wir uns besser kennenlernen und wahrnehmen können. Wenn wir spontan einen Klang erzeugen: Was macht das mit uns? Weil unser Körper die Klänge erzeugt, ist ein Musikinstrument oft wie ein Spiegel: Klingt eine Trommel eher belebend oder hektisch? Bin ich gerade voller Energie oder unruhig, wenn ich schnell und laut spiele?
Dafür brauchen wir keine Technik, sondern die Bereitschaft, das Spiel spontan zu gestalten und den Klang offen wahrzunehmen.
Und gute Stimmung entsteht nicht nur dadurch, dass man ein klassisches Erfolgserlebnis hat (z. B. weil man am Klavier ein Stück spielen kann). Vielleicht finden Sie ein Instrument, dessen Klang Ihnen angenehm ist. Vielleicht macht es Ihnen einfach Spaß, daraufloszutrommeln. Vielleicht machen Sie in der Musik gerade die Erfahrung, dass Sie selbst Taktgeberin sein und das Tempo bestimmen können.
Wichtig ist auch die Frage, was für ein Ziel man in der Musiktherapie hat, wenn wir über die Wirkung der Musiktherapie sprechen. Eines davon könnte tatsächlich „gute Stimmung“ sein, oder aber auch der Ausdruck von Emotionen, das Loslassen von Perfektionismus, Selbstwahrnehmung usw.
Bei allen therapeutischen Themen gilt es, ungünstige Denk- oder Verhaltensmuster bewusst zu machen und stattdessen neue, korrigierende Erfahrungen zu machen. Wenn Sie zum Beispiel bisher sehr perfektionistisch waren, könnte eine solche neue Erfahrung sein, zu spüren, dass in der Musik eben nicht alles perfekt sein muss. Dabei ist eine therapeutische Begleitung hilfreich, besonders wenn sich ein neuer Weg zuerst noch fremd anfühlt.

Gedanke Nr. 2: Die Therapeutin spielt etwas für mich, damit ich mich entspannen kann.
Der Wunsch nach Ruhe oder danach, „nichts machen zu müssen“, ist verständlich, besonders wenn Sie bisher alles alleine bewältigen mussten und keine Zeit für sich hatten.
Es kommt aber darauf an, ob und was die Therapeutin vorspielt. In meiner Arbeit ist es wesentlich, dass wir gemeinsam den Weg zur Genesung finden. Das heißt auch, dass ich DEN Weg für Sie nicht kenne. Was Sie entspannt oder Ihnen guttut, kann ich nicht vorhersagen. Auch, weil es von Tag zu Tag unterschiedlich sein kann. Da bin ich auf den Austausch mit Ihnen angewiesen und darauf, wie Sie es gerade wahrnehmen. Beim bewussten Hören merken Sie am besten, wie es auf Sie wirkt.
Es ist natürlich auch eine Überlegung wert, ob Sie sich eher beim Hören oder beim Spielen entspannen können. Es kann sein, dass Sie sich am besten entspannen, wenn Sie selbst sanfte Klänge erzeugen. Es kann auch sein, dass Sie sich erst dann entspannen können, wenn Sie den Leistungsdruck reduziert haben. Entspannung kann sich bei jedem ganz anders anfühlen und jeder braucht etwas anderes. Ich bin hierbei eher eine Begleiterin und auf keinen Fall ein „Wegweiser“.
Die Wirkung der Musiktherapie liegt auch darin, dass Sie Selbstwirksamkeit erleben. Das bedeutet, dass Sie das Gefühl haben, etwas Gutes bewirken und Ihr Leben selbst gestalten zu können.
Musiktherapie ist also keine Zauberei und auch kein Musikunterricht. Sie ist vielmehr eine Einladung, sich selbst neu zu begegnen – in Ihrem ganz eigenen Tempo und völlig ohne Leistungsdruck. Sie müssen nichts leisten und nichts beweisen. Wenn Sie sich genau so einen wertungsfreien Raum für sich wünschen, bin ich gerne als Begleiterin an Ihrer Seite. Lassen Sie uns gemeinsam herausfinden, was Ihnen guttut.
